Die heilige Hure...

Es gibt mindestens zwei sehr unterschiedliche Heilige-Hure-Welten...

Im Lauf meiner Jahre habe ich gemerkt, dass es mindestens zwei sehr unterschiedliche Heilige-Hure-Welten gibt. Und wenn ich mich zurückerinnere, war dieser Zweiklang schon in der Schulzeit für mich spürbar.

In der sehr katholischen Umgebung meiner Schulzeit war ich als Kind agnostischer Protestanten fremd. Was Mitschüler von zuhause berichteten, erschien mir unvorstellbar, fast unglaubhaft. Sie mussten Sonntags in die Kirche, und wenn sie blaumachten, kamen Nachbarn und sagten: "Ich habe Michael nicht in der Kirche gesehen heute... ist er krank?" und schauten dabei missbilligend.

Zwei Ebenen der Wirklichkeit

Sexualität lief anders als in meinem Geradeaus-Elternhaus auf zwei Ebenen.

  • Ebene 1: Sexualität ist Sünde und beschmutzt Menschen.
  • Ebene 2: Sexualität wollen wir alle, aber nur heimlich, so dass Nachbarn und andere, die sie missbilligen, nicht petzen können.

Es war für meine katholischen Mitschüler völlig klar, dass Heilige und Hure nichts mit der wirklichen Lust der Frauen zu tun hatte, sondern mit deren moralischer Einordnung. Es ging immer nur um Moral, und das massiv. Dabei war "Moral" keine ethische Idee, sondern ein einfacher Verurteilungs-Kanon: Wer rein ist, kommt ins Himmelreich, wer unrein ist, wird von den Nachbarn und der Familie verdammt.

Darum konnte eine Frau auch Heilige und Hure in einer Person sein. Heilige heißt: Sich nicht erwischen lassen, ein sittsames Bild abgeben, besonders gelungen lügen. Hure heißt: Sein wahres Fühlen ausleben, geil sein, sündig und verdorben sein. Für meine Mitschüler war es klar - Kirchgang und Heiligsein ist Fassade, die davor schützt, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Und Sünde, Geilheit und Huresein sind unsere wahre, böse Natur, schmutzig und spannend. Die Heilige ist paradoxerweise verlogen, die Hure hingegen grundehrlich. Lügen war in der Welt meiner Schulzeit keine wirkliche Sünde, Sexualität hingegen sehr wohl.

Auf diese Weise kamen meine Schulkameraden (das Wort war damals schon unangemessen veraltet) nicht einmal auf die Idee, dass Männer und Frauen Lust unterschiedlich empfänden oder wollten.

Die Heilige ist gegen Sex

Für mich hingegen stellte sich das alles völlig anders dar! Ich kannte keine Doppelmoral, kein Verurteilen von Sünde und "Schmutz", keine Fassade für die Anderen, keine Gefahr des Ausgeschlossenwerdens. Meine Eltern lebten Sexualität relativ unbekümmert, sie war Teil der Gespräche, und eine Fassade für die Nachbarn etc. wurde absolut gar nicht hergestellt.

Ohne das Verstehen von Doppelmoral bzw. Bigotterie verknoteten sich für mich die beiden Moralebenen meiner Kumpels für mich zu einer verwirrenden Sache, die ich mir dann so versucht hatte zu erklären: Heilige und Hure unterscheiden sich in der Sexpositivität. Die Heilige ist GEGEN Sex, die Hure ist FÜR Sex.

Unter dieser Perspektive können Frauen nicht Heilige und Hure in einer Person sein: Entweder sie sind FÜR oder sie sind GEGEN Sex. Es gibt keine zwei moralischen Beurteilungsebenen, sondern nur eine einzige beschreibende.

Durch die Äußerungen der Frauen in meiner Familie kam dann noch der Aspekt hinzu: Frauen sind eigentlich alle "Heilige", also alle gegen Sex. Die sogenannten Huren sind lediglich Sexarbeiter, die die Freude am Sex berufsbedingt spielen müssen, wollen sie ihre Kunden nicht vergraulen. Sie bedienen damit die unrealistische Männerphantasie, Frauen fühlten Sex genauso lustvoll wie sie.

Frauen beschützen

Männer insgesamt, so das von mir gewonnene Bild, haben körperliche, also schweinische Phantasien, und die davon abgestoßenen Frauen müssen als das unterdrückte Geschlecht die ekelerregenden Ideen der Männer mitspielen. Frauen waren das Geschlecht der Heiligen, die versaute Huren spielen mussten, Männer dagegen wirklich versaute Faune, die sich unbekümmert an den Frauen befriedigten. Kein Wunder, dass ich in meinen Twenty-somethings Frauen mit Intimitäts-Avancen zurückwies. Ich hatte kein Interesse daran, diese heiligen Elfen mit meinem inneren Schweinestall zu verekeln.

Tatsächlich korrigierte auch keine Frau dieses seltsame Bild. Im Gegenteil, viele Frauen zeigten mir, dass auch sie Männer für bedrohliche Sexmonster hielten, und sich selbst für elfenhaft, viel zu sensibel für Männer, und für triebarm und sittlich.

Können wir damit aufhören?

Heute bin ich geheilt von diesem Irrlauf. Aber es war ein langer Weg, und ein mühseliges Aufarbeiten falscher Glaubenssätze. Heute weiß ich: Frauen und Männer fühlen im Prinzip völlig gleich, denn beide sind Menschen, und nicht Wesen von unterschiedlichen Sternen.

Und ich weiß: Diese von der Gesellschaft tradierten Bilder von Hure oder Schlampe auf der einen Seite, und von der Heiligen auf der anderen Seite, leben fast unzerstörbar (wie ich fürchte) immer noch weiter. Können wir bitte damit mal aufhören?

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