Gutmenschen

Was sind Gutmenschen?

Was sind Gutmenschen?

Wir zitieren aus der NZZ Neuen Zürcher Zeitung vom 12.01.2016:

"Das Wort Gutmensch ist eine Waffe. Das Wort «verhindert einen demokratischen Austausch von Sachargumenten», so das wichtigste Argument in der Begründung der Darmstädter Jury, die das «Unwort des Jahres» jeweils aus den eingesandten Vorschlägen der Bürger auswählt. Der Begriff ist ein Ablenkungsmanöver aus der Trickkiste der Ad-hominem-Rhetorik: Statt darüber zu diskutieren, ob und wie man sich engagieren soll, prügelt man auf diejenigen ein, die sich engagieren. In den neunziger Jahren zog man damit gegen die «Umweltbewegten» zu Felde, nun hat es wieder Konjunktur in der Debatte um die Flüchtlinge. Was soll man als Gutmensch tun? Wie man seinen Gegnern die Wörterwaffe entwendet, lernt man beispielsweise von den Homosexuellen (man erinnere sich an Klaus Wowereits Diktum). Ich bin ein Gutmensch, und das ist gut so!"

Ganz recht - wir sind Gutmenschen, und das ist gut so!

Denn was wollen Gutmenschen? Die "Umweltbewegten" der Neunziger wollten gesunde Luft, gesundes Wasser, gesunde Nahrung, gesunde Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Für alle, das ist wichtig. Nicht nur für sich, oder für eine bestimmte Gruppe im Lande. Die "Flüchtlingsversteher" von heute wollen das selbe heute wieder für alle - nicht nur für Deutsche oder für ihr Dorf.

Das macht den Unterschied zu den "Neo-Völkischen" aus den Denkfeldern von Pegida, NPD und AfD. Diese wollen stets die einen Menschen von den anderen Menschen trennen. Sie grenzen sich ab. Nicht nur innerlich, sondern ganz praktisch real: Menschen, die ihr nacktes Leben retten konnten, werden von Neo-Völkischen hier nicht gern gesehen, weil sie ja auch Verbrecher sein könnten. Könnten, das reicht ihnen, um ihnen den Aufenthalt in einem sicheren Land wie dem unseren verwehren zu wollen. Mitgefühl und Helfenwollen sind ihnen Gefühlsduselei - halt zu gutmenschlich. Egoismus und Altruismus - darum geht es bei diesem Diskurs.

Egoismus vs. Altruismus

Knapp formuliert, beschreibt Egoismus einen Fokus auf das eigene Interesse, Altruismus einen Fokus auf das Interesse der Anderen. Es gibt auch das Phänonem des Gruppenegoismus: Fokus auf das Interesse der eigenen Gruppe. Hier gibt es eine Überschneidung mit dem Altruismus, denn wer das Interesse der eigenen Gruppe vertritt, der vertritt damit gleichzeitig auch das Interesse von Anderen (innerhalb der Gruppe).

Lokale Gruppe vs. Weltgruppe

Der Unterschied zwischen dem Altruismus der Neo-Völkischen und dem der Gutmenschen ist die Größe der Gruppe, also wie weitgefasst die "eigene" Gruppe betrachtet wird. Neo-Völkische halten die Gruppe klein, sie beschränken sich auf ihr Dorf, ihre Region, maximal auf ihr Land - oder aber ihre "Rasse". Gutmenschen betrachten die gesamte Menschheit als "ihre" Gruppe.

Die Kleinheit der bevorzugten Gruppen der Neo-Völkischen erfordert stets die Abgrenzung vom Rest der Welt. Das Dorf, die Region, das Land müssen sich gegen die umgebende Welt zur Wehr setzen, sich schützen, sie sind umgeben von Feinden. Die allumfassende Größe der bevorzugten Gruppe der Gutmenschen hingegen entspricht der Menschheit als Ganzes. Dadurch gibt es keine Feinde im Außen. Schutz und Verteidigung gegenüber "dem Fremden" kommt in ihrem Denken nicht vor.

Darum sind Neo-Völkische angstgetrieben und in einem steten Bedrohungsszenario gefangen, wohingegen Gutmenschen entspannt bleiben.

Vom Glauben an das Böse im Menschen

Neo-Völkische glauben nicht an die prinzipielle Fähigkeit und den prinzipiellen Willen von Menschen zur Uneigennützigkeit. Sie glauben an das Böse im Menschen (um es in der dazu passenden Naivität auszudrücken). Sie suchen selbst in uneigennützigen Handlungen stets den Egoismus, der ihren eigenen Egoismus bestätigt: So sind Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr in ihren Augen oft nicht deswegen bereit, sich unbezahlt Nächte mit Feuerbekämpfung um die Ohren zu hauen, weil sie eine uneigennützige Haltung leben, sondern weil sie Geselligkeit und Anerkennung ergattern wollen. Abgesehen davon, dass sich diese Ziele einfacher und angenehmer erreichen lassen (im Sportverein beispielsweise), verrät der Glaube an den allumfassenden Egoismus des Menschen mehr über die Neo-Völkischen als über die Eigenschaft von Menschen schlechthin.

Gutmenschen

Gutmenschen im besten Sinne glauben an die Fähigkeit zu uneigennützigem Handeln. Sie begeistern sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil sie wissen, dass Menschen ganz ohne Einkommens-Anreiz viel für die Gesellschaft tun werden. Sogar mehr, als unter dem Zwangsgebot der Ernährungssicherung. Ganz anders Neo-Völkische - sie sind sich sicher, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen eine Gesellschaft aus hedonistischen Herumhängern entstehen ließe. Was wiederum mehr über die Neo-Völkischen als über die Anderen sagt.

Uneigennützigkeit zeichnet sich nicht dadurch aus, dass der Uneingennützige auf gar keinen Fall profitieren darf. Sondern dadurch, dass die Anderen in einer bestimmten Situation von der uneigennützig handelnden Person als deutlich wichtiger wahrgenommen werden als sie selbst. Uneigennützigkeit darf getrost als eine weiterentwickelte Art der Eigennützigkeit betrachtet werden. Eine, die Kooperation über kurzfristige Allianzen hinaus erst möglich macht.

Kooperation

Kooperation hat den Menschen erdgeschichtlich erst möglich gemacht. Ohne Kooperation wäre der Mensch ein kulturloses Wesen. Er lebte ein Leben des Eigennutzes, also ein Leben in der Hölle des "Jeder gegen jeden". Neo-Völkische glauben daran, dass die Menschen immer noch in dieser Hölle leben... und nutzen dennoch das Internet, das nie ein Bürger bezahlt hat, und nutzen doch Wikipedia, welches ohne Gewinnabsicht seit Jahrzehnten funktioniert, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Naive Moralapostel

Vielfach wird ein "Gutmensch" als naiver Moralapostel hingestellt, der sich mit seiner vermeintlich überlegenen Moralität über alle anderen stellen will, ohne selbst den Beweis dafür anzutreten, dass er zu Opfern im gepredigten Sinne bereit ist. Solche Leute kennen wir ebenfalls, es gibt sie. Für sie gab es immer schon Begriffe: Scheinheilige, Bigotte. Da sie aber genau nicht zu denen gehören, die sich tatsächlich und tätig für Andere einsetzen, sind sie eben keine Gutmenschen. Der Kampfbegriff "Gutmensch" richtet sich nämlich in erster Linie gegen diejenigen, die selbst in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich arbeiten - und diese sind in der Tat gute Menschen.

Naiv sind sie auch nicht. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben, und die hysterisch herbeigeredete, aufgeblasene Angst der Neo-Völkischen stellt sich in Wahrheit als die wirkliche Naivität dar. Als die völlig übertriebene Angst des Kindes im dunklen Walde, nicht die eines erwachsen abgeklärten Menschen mit Herz.